Geld schießt doch Tore - Eine Bestandsaufnahme des österreichischen Profifußballs
Eigentlich erfährt der ÖFB-Cup kein hohes Interesse, nicht einmal in Österreich. Doch an jenem eher unwirtlichen Mittwochabend im September kamen 20.400 Zuschauer in das Allianz-Stadion, Rekord im ÖFB-Cup, zumindest wenn man die Finals im Ernst-Happel-Stadion, welches gleichzeitig als Stadion der Nationalmannschaft fungiert, ausklammert. Denn schon in der zweiten Runde traf Rapid Wien auf Red Bull Salzburg. Im Vorjahr war das die Finalpaarung zwischen den beiden wichtigsten österreichischen Klubs. Dabei ist es eigentlich ein ungleiches Duell, wie ich schon beim Kartenkauf gemerkt habe. Als ich den Verkäufer nach den Chancen Rapids fragte, musste er schmunzeln. Zu groß ist die Übermacht des Serienmeisters, der in dieser Saison bis dato kein Spiel verloren hat. Lediglich wegen der Rapid-Sympathien räumte er ein, dass eine Überraschung möglich wäre.
Tradition verblasst gegen Geld
Dieses Spiel verdeutlicht den Konflikt, der den österreichischen Fußball prägt. Auf der einen Seite Rapid Wien, der große österreichische Traditionsverein, der deutsche Meister von 1941 mit einer breiten, loyalen Anhängerschaft. Demgegenüber steht Red Bull Salzburg, welcher 1933 unter dem Namen Austria gegründet, dann aber von dem Energy-Drink-Produzenten aufgekauft und durch kräftige Finanzspritzen zum Serienmeister aufgepumpt wurde. Der Widerstand dagegen ist groß, der Verein sei nur noch Mittel zum Zweck und verzerre den sportlichen Wettbewerb.
Für beide Vereine hatte dieses Spiel eine unterschiedliche Bedeutung: Während es für Rapid um Fernsehgelder und Prestige ging, Red Bull ist schließlich ein großer Rivale, war es für die Salzburger eher eine lästige Pflichtaufgabe zwischen Meisterschaft und Champions League, dem größten europäischen Vereinswettbewerb. Daher verwundert es nicht, dass letztere das Spiel eher halbherzig angehen, nicht entschlossen genug auf die Konter der kampfbetonten Hüttelsdorfer reagierten.
Das große Geld wartet woanders
Der Salzburger Serienmeister stand unter großem Druck, hat eine Woche zuvor sein Champions-League-Debüt gegeben, ein fulminanter 6:2-Sieg gegen Gent, aber die drei darauffolgenden Spiele auf internationaler Ebene nicht gewonnen. 2013 war Austria Wien als letzter österreichischer Teilnehmer dabei, danach sind die Spieler von Red Bull jährlich gescheitert, was nicht nur die meisten österreichischen Fußball-Fans schadenfroh als Running Gag aufnahmen. Die nationale Meisterschaft wird schon seit Jahren von Red Bull Salzburg dominiert. 2005 hat der Getränkehersteller den Verein Austria Salzburg übernommen und gänzlich nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Dies ist ein bis dahin beispielloser Eingriff in einen Verein, was von den meisten Österreichern kritisch gesehen wird, auch die Salzburger Fans erkennen die Nachteile. Schließlich hat Red Bull mit RasenBallsport (man beachte die Abkürzung) Leipzig einen deutschen Ableger aufgebaut, der aufgrund der besseren Chancen als deutscher Klub eine höhere Priorität genießt, weswegen schon des öfteren Topspieler von Salzburg nach Leipzig transferiert wurden. Im Leipziger Kader finden sich aktuell sieben Spieler, die direkt aus Salzburg gekommen sind, unter ihnen der wichtige Nationalspieler Marcel Sabitzer. Er ist einer der vielen Legionäre der österreichischen Nationalmannschaft. 18 Spielern des 23-Kaders ist die heimische Liga nicht fordernd genug, oft spielen sie in Deutschland.
Das liegt natürlich nicht nur am Geld, sondern auch an einer strukturellen Benachteiligung durch den kontinentalen Fußball-Verband UEFA. Dieser vergibt die Startplätze für die Europapokal-Wettbewerbe über die Fünfjahreswertung. In dieser werden die Leistungen der Klubs für die Nationen gewertet. Das Ungleichgewicht kommt dadurch zustande, dass die vier größten Fußball-Ligen die Hälfte der 32 Champions-League-Teilnehmer stellt. Die andere Hälfte müssen die restlichen 51 UEFA-Mitglieder unter sich aufteilen. Selbst der österreichische Meister muss sich durch eine Qualifikationsrunde quälen, die dem Viertplatzierten der Bundesliga hingegen erspart bleibt. So fällt eine Etablierung wesentlich schwerer, womit auch die Attraktivität im internationalen Vergleich sinkt, da auch die heimischen Fans mehr auf den engen Zweikampf vom FC Liverpool und Manchester City in England schielen und die Bundesliga im Ausland ohnehin schon eine geringe Reputation hatte. Daher führte man einen Playoff-Modus ein, der den Meister- und Abstiegskampf durch eine Einteilung in zwei Gruppen verschärfen sollte. Auf viel Gegenliebe stößt dieses Modell allerdings nicht. Über einen neuen Fernseh-Rechte-Vertrag wollte man mehr Fernsehgelder erlösen, was auch gelang, wofür es aber keine Spiele mehr im Free-TV gibt. Die Gelderverteilung hat einen hitzigen Streit in der Liga ausgelöst, da Rapid als zuschauerstärkster Verein die höchste Summe beanspruchte und kleinere Vereine mit deutlich weniger abgespeist werden sollten. Am Ende setzten sich die Underdogs durch. Und auch gegenüber den Fans geht man einen unkonventionellen Weg. So ist hier das Abbrennen von Pyrotechnik erlaubt, solange es geregelt abläuft. Das konnte man auch beim Spiel gegen Salzburg beobachten, wo nach dem Tor und in der Schlussphase in speziellen Zonen gezündelt wurde.
In der Sackgasse
Welches
Wachstumspotenzial hat der österreichische Fußball bei diesen
Lasten und Lösungsansätzen? Es ist nicht mehr viel Luft nach oben.
Im internationalen Vergleich wirkt die Liga unattraktiv, weswegen
keine Top-Stars kommen und einheimische Talente ins Ausland wechseln.
Letzteres hat zwar die Verbesserung der Nationalmannschaft zur Folge,
aber dennoch können die Österreicher den Abstand nicht mehr
aufholen, womit auch sie zu den Opfern der auseinanderklaffenden
Wohlstandsschere gehören. Der 2:1-Sieg von Red Bull passt nur allzu
gut in diese resigniernde Sichtweise.
Offenlegung: Dieser Text wurde im November 2019 im Rahmen eines Schulprojekts verfasst und für die Veröffentlichung im Internet überarbeitet.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen