Auf der Seite der Wahrheit
Am kommenden Freitag (30. Oktober 2020) berät der Bundestag über die Errichtung eines deutsch-polnischen Museums über die Besatzung in Polen. Sie möchte damit die angekratzte Beziehung zwischen den beiden Nachbarstaaten verbessern. Es soll in gemeinsamer Zusammenarbeit entstehen. Dabei kommt natürlich die Frage auf, ob man mit der geschichtsrevisionistischen PiS-Regierung ein solches Projekt realisieren kann. Dieser Vorwurf ist berechtigt. Die Begründung dafür dauert exakt 30 Sekunden.
Im Februar 2018 schaltete die polnische Regierung einen Werbespot. Zwischen cineastischen, beängstigenden Sequenzen und dramatischer Musik werden Slogans eingeblendet wie "Juden und Polen haben den Terror zusammen erlitten. Wir haben viel für die Juden getan. Heute sind wir immernoch auf der Seite der Wahrheit." Es ist ein Spot, der wie geschaffen für ein Geschichts-Abiturprüfung ist, welches Geschichtsverständnis vermittelt der Spot. Er ist eine ironiefreie, erschreckend begeisterte Version des Spruchs "Geschichte wird von den Siegern geschrieben." Darüber hinaus fordert er Schwarz-Weiß-Denken, es gibt nur die Guten gegen die Bösen. Zeitgeschehen wie ein Märchen. Das sind Haltungen, über die die Geschichtswissenschaft zum Glück weit hinaus ist, doch warum möchte die polnische Regierung eine solche antiquierte Auffassung vermitteln?
In jenen Tagen bereitete die PiS-Regierung einen Gesetzesentwurf vor, nach dem es verboten wird, von "polnischen Konzentrationslager" zu sprechen. Damit ist einerseits die geografische Zuordnung gemeint, andererseits fällt unter das Gesetz auch der Vorwurf, dass sich Polen an den Verbrechen des zweiten Weltkrieg beteiligt haben. Ein haltloser Vorwurf?
Die Polen haben stark unter den Nationalsozialisten gelitten. Von der ersten Handlung des zweiten Weltkriegs waren sie betroffen und mussten fast den gesamten Krieg über die deutsche Besatzung ertragen. Auslöschung der gesellschaftlichen Elite, Arisierung und auch das weitflächige Bombardement auf Warschau 1944 gehören zu den bekanntesten Verbrechen. Es gab 6 Millionen Tote, darunter 5,7 Millionen Zivilisten. In diesem Bild gibt es aber Grautöne. Wie in den meisten Besatzungszonen, gab es auch in Polen Kollaboteure, die Juden denunziert haben oder in anderer Weise von den Verbrechen profitiert haben. Es gab aber auch aufsehenerregende Vorkomnisse. Neben den antisemitischen Pogromen in der Nachkriegszeit, dürfte das Massaker von Jedwabne das Prominenteste sein.
Als die Wehrmacht einige Wochen nach Beginn der "Operation Babarossa" in der östlichen Kleinstadt angekommen ist, wurden die Juden der Stadt auf dem Marktplatz zusammengetrieben und dann in eine Scheune gebracht, die anschließend angezündet wurde. 340 Menschen sind dabei gestorben. Das ist die unstrittige Version. Fraglich ist bloß, wer das Massaker durchführte. Es gibt viele Hinweise darauf, dass die polnische Bevölkerung initiativ beteiligt war, wie das Buch "Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne" von Jan Tomasz Gross nahelegt. Obwohl das Buch von Historikern methodische Kritik erfuhr, wurde in anschließend eingeleiteten Ermittlungen die Tendenz bestätigt. Ein Gedenken wurde danach stark erschwert, von den Dorfbewohnern boykottiert. Der damalige Bürgermeister Krzysztof Godlewski musste in die USA emigrieren. Schließlich hat die PiS 2006 die "Lex Gross" verabschiedet, nach der jeder, der „die polnische Nation öffentlich der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt“ für drei Jahre ins Gefängnis kommen könnte. Das Gesetz wurde inzwischen zwar gekippt, aber dennoch wirft das drastische Vorgehen die Frage nach dem Warum auf.
Auch wenn der Nationalismus allgemein sehr jung ist, so ist der polnische besonders jung - und dementsprechend besser formbar. Andere berühmte Beispiele sind recht festgelegt: USA, Frankreich - Revolution und Demokratie. Deutschland - Literatur. UK - Weltmachtsanspruch. Polen hatte vor allem den Katholizismus als verbindendes Element, aber dadurch, dass es von 1795 bis 1918 und dann nochmal von 1939 bis 1990 formal nicht existierte, blieb sehr viel Raum für neue Elemente. In diesen fast 200 Jahren war Polen Spielball seiner Nachbarn, weswegen sich dort eine starke Opfer-Mentalität entfaltete. Diese stellt dann auch den Legitimationsrahmen für den heutigen Nationalismus nach.
In Polen konnte er kaum von staatlicher Seite gelebt werden, deswegen hatte er seine Blütezeit dort erst in den letzten 30 Jahren. Prominentester Vertreter war stets die PiS-Regierung, die ihn hervorstellte. Sie hatte ihn stets gefördert. Dafür ist sie in den letzten Jahren aber auch mit antirepublikanischer Politik aufgefallen: Massive Einschränkung der Pressefreiheit, die Justizreform, die Tolerierung der LGBT-freien Zonen etc. Viele Projekte in der letzten Zeit, waren darauf ausgelegt, die eigene Macht zu stärken. Und gerade die Geschichte wird dafür genutzt. Da sie ja auf der Seite der Wahrheit stehen, können sie ja nicht selbst autoritär sein. Zudem die stete Mobilisierung gegen Feinde: Linke, EU, Homosexuelle, Feministen. All das ergibt ein gar nicht mal so originelles Geflecht an Machterhaltungsmaßnahmen.
Mit einem Polen-Denkmal würde die Bundesregierung eine Rechtfertigung für die polnische Geschichtspolitik bieten. Das hehre Vorhaben, die deutsch-polnischen Beziehungen zu stärken, darf nicht in der Instrumentalisierung durch die geschichtsrevisionistische PiS enden. Zu allem Überfluss werden in der Debatte fragwürdige Argumente vorgebracht. Der langjährige Leiter des Deutschen Polen-Institut Dieter Bingen meinte, dass Polen ein gesondertes Denkmal verdiene, da sie ja richtig "eine Kulturnation sein und nicht ein slawisches Kollektiv". Alle sind gleich, aber sie sind gleicher?.
Beim Gedenken sollte man an alle denken. An Juden, Oppositionelle und Osteuropäer. Die Polen als Opfer besonders herauszustellen, bringt der geschichtlichen Aufklärung wenig, weil sie bereits sehr prominent sind. Als Gesamtgesellschaft sollte man eher andere Opfergruppen ins Visier nehmen: Sinti und Roma, Behinderte, "Asoziale" und "Bibelforscher". Anstatt die Opfer als Bürger ihrer Staaten zu sehen, gilt es sich diesen Opfergruppen anzunehmen, bei der die Diskriminirung bis heute
teilweise unverändert anhält. Da hilft auch die Selbstbeweihräucherung als "Aufarbeitungs-Weltmeister" nicht. Es mag zwar nicht die Seite "der Wahrheit" sein, würde die Gesellschaft aber gerechter machen.
Viele neue Anstöße, die ich vorher noch nicht gelesen habe, danke!
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